Mittwoch, 6. März 2013

Düstre Experten-Forderung von Wirtschafts-Experten
Demnächst mit Rollator und Krückstock ins pralle Arbeitsleben?

Strafe muss sein - das erklärte die Große Koalition aus CDU und SPD zwar nicht wortwörtlich, als sie 2007 unter eisener Missachtung aller Realitäten beschloss, das Rentenalter schrittweise von 65 auf 67 Jahre anzuheben. Mittlerweile hat sich zwar herumgesprochen, dass dieser Staatsstreich zu immer mehr Altersarmut beiträgt. Das ficht aber Wirtschaftsexperten nicht an. Im Gegenteil: Geht es nach den Wirtschafts-, Renten- und Arbeitszeitforschern, sollen demnächst Arbeitnehmer auch mit 67 längst noch nicht in die wohlverdiente, wenn auch meist kärglich ausgestattete Rente gehen. Danach sollen heute 30jährige erst mit 69 Jahren die Rentenaltersgrenze erreichen - und auch die Wochenarbeitszeit soll deutlich verlängert werden.

Diese Liste der Grausamkeiten mitsamt Anleitung zur nicht artgerechter Haltung von alternden Menschen ist nicht etwa den gestörten Hirnen gewaltbereiter Irrer entsprungen: Die Vorschläge kommen von hoch angesehenen Experten: So verlangte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in einem Artikel der heutigen BILD-Zeitung: „Für jedes Jahr hinzugewonnene Lebenserwartung müssen wir etwa ein halbes Jahr länger arbeiten und in die Rentenkasse einzahlen.“ Die Rente mit 67 sei daher nicht das Ende der Entwicklung.
Auch der Freiburger Rentenexperte Bernd Raffelhüschen, der durch seine Medienauftritte bekannt wurde, sprach sich für eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters nach 2029 aus. „Sonst können wir die Rentenkasse nicht stabil halten und den Wohlstand im Alter sichern“, wird Raffelhüschen in der „Bild“ zitiert. Nach seinen Schätzungen müsse ein heute 40-Jähriger voraussichtlich bis zum Alter von 68 Jahren arbeiten. Ein heute 30-Jähriger könne erst mit 69 Jahren in Rente gehen.

Den Hardlinern unter den Experten, die bereits die unsoziale Verschiebung des Renteneintrittsalters auf demnächst 67 Jahre durch CDU und SPD maßgeblich beeinflussten, genügt aber die weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis ins Greisenalter immer noch nicht. Der Arbeitsmarktexperte des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, Hilmar Schneider, schlug darüber hinaus eine Anhebung der Wochenarbeitszeit vor, um den sich immer stärker abzeichnenden Mangel an Beschäftigten in Deutschland auszugleichen. „Im Schnitt müsste jeder Arbeitnehmer fünf Stunden pro Woche mehr arbeiten. Möglich ist auch, dass vor allem Teilzeit-Beschäftigte in Vollzeit-Jobs wechseln“, so Schneider in dem heutigen „Bild“-Artikel.. 

jos 

chronischLEBEN-Kommentar:
Wer zu spät stirbt ...

Wer sich bisher nach rund vier Jahrzehnten Arbeit mit 65 ausruhen durfte, weil er 1947 oder früher geboren wurde, genießt immerhin den -allerdings nicht ganz zweifelsfreien - Luxus eines selbstbestimmten Alters. Bereits jetzt reicht die "normale" Rentenhöhe für eine ständig zunehmende Zahl von Menschen allenfalls zu einem "Restleben" am Rande oder unterhalb der Altersarmut.

Zum durch die Wirtschaftslobbyisten der FDP entschärften und verfälschten Armutsbericht der Bundesregierung, der heute vorgestellt wird, passt der Bericht der Wirtschafts- und Rentenexperten, der heute im Boulevardblatt BILD erscheint passgenau. Ginge es - wieder einmal - nach Raffelhüschen, Fratzscher und Co., dann wäre die weitere Massenverelendung von alten Menschen vorprogrammiert.

Die weithin anerkannten, von Wirtschaft und Medien hofierten Fachleute legen, ohne mit der Wimper zu zucken, eine klassische Milchmädchenrechnung vor, die nicht nur das durch die tatsächlich immer länger werdende Lebenszeit aus den Fugen geratende bisherige Solidarprinzip auf den Kopf stellt: Die sich verändernde Alterspyramide entlarvt ja längst den Dummspruch des Norbert Blüm von der angeblich "sicheren" Rente als eben solchen.

Schlicht ignoriert wird von den eiskalten Arbeitszeit-Stretchern aber die Tatsache, dass zwar einerseits die physisch vernichtende "Knochenarbeit" vergangener Jahrzehnte nicht mehr so häufig anzutreffen ist - die Menschen aber dennoch spätestens mit 65, oft auch schon früher, ausgebrannt sind, dem Stress der heutigen Arbeitsrealität nicht mehr gewachsen sind.

Die unausweichliche Folge: Folgt man den menschenverachtenden Arbeitszeitmodellen der Experten, werden immer mehr Menschen nicht einmal den Hauch einer Chance haben, sich eine "normale" Rente zu erarbeiten - bis es soweit wäre, hätten sie längst entkräftet ausgegeben.

Wer auf ein Umdenken nach der Bundestagswahl im Herbst mit einer SPD-dominierten Bundesertierung unter einem Kanzler namens Steinbrück hofft, hat übrigens schon jetzt verloren: Die unselige 67er-Regelung hat uns nämlich 2007 eine Regierung unter Beteiligung der SPD eingebrockt. Die großen "Volks"parteien sind sich in einem offenbar ei nig: Wer zu spät stirbt, den bestrafen dann eben Raffelhüschen und Konsorten.

Norbert Jos Maas


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