Montag, 26. November 2012

Trügerische Renten-Prognose
"Keine paradiesischen Zustände"
Warnung vor "bitterer Ernüchterung"

In Weihnachtsstimmung versetzen wollten die schwarz-gelbe Bundesregierung und das Boulevardblatt BILD offensichtlich heute die als Wähler immer kostbarer werdenden Rentner der Republik. Um satte acht bis fünfzehn Prozent Plus sollten angeblich die Renten in West und Ost bis 2016 steigen. Das zumindest verspricht voreilig der vorzeitig von der BILD veröffentlichte Rentenbericht der Bundesregierung. Der Präsident des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), Adolf Bauer warnt heute in den Zeitungen der Essener WAZ-Mediengruppe vor voreilig geweckten Hoffnungen: Bisher, so Bauer, sei in den vergangenen Jahren sei auf den Freudenrausch angekündigter Rentenanstiege stets eine "bittere Ernüchterung" gefolgt.

Der Rentenbericht, der am Mittwoch dieser Woche vom Bundeskabinett verabschiedet werden soll, verspricht vollmundig eine Erhöhung der Renten in den alten Bundesländern bis 2016 um 8,27 Prozent, in den neuen Bundesländern sogar um insgesamt 11,01 Prozent. Für 2013, so der vielverheißende Rentenbericht, sollen die Ost-Rentner mit einer Steigerung um 3,49 Prozent das höchste Plus seit 1997; die West-Rentner sollen im kommenden Jahr mit einem Plusvon einem Prozent allerdings wieder einmal unter der Inflationsrate bleiben.

SoVD-Präsident Adolf Bauer gießt kräftig Wasser in den Berauschen Renten-Wein der schwarz-gelben Koalition: Seit 2004 , so Bauer, habe es tatsächlich einen Renten-Kaufkraftverlust von mehr als zehn Prozent gegeben. "Angesichts dieser Abwärtsspirale ist vor verfrühtem Applaus zu warnen", sagte Bauer. "Es wäre zu schön, wenn sich der angekündigte Rentenanstieg diesmal bewahrheiten würde." Der SoVD weist ernüchternd darauf hin, dass der Rentenversicherungsbericht an viele Voraussetzungen geknüpft ist, die heute noch gar nicht absehbar sind." Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung stehe gegenwärtig in den Sternen.

   "Höchstens Kompensation der Kaufkraftverluste"

In der ARD-Tagesschau kritisierte auch Direktor des Instituts für Vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln, Christoph Butterwegge, die Renten-Prognose als irreführend: Für die alten Menschen ergeben sich laut Butterwegge "keineswegs paradiesische Verhältnisse". Nach mehreren Nullrunden, die wegen der Preissteigerungen eigentlich Minusrunden gewesen seien, handele es sich ja höchstens um eine Kompensation für die Kaufkraftverluste früherer Jahre.

Der Wissenschaftler weist darauf hin, dass der Lebensstandard der Arbeitnehmer wie der Rentner tendenziell gesunken sei. Noch mehr gelte das für die Neuzugänge bei den Rentnern, "denn sie bekommen die seit der Jahrtausendwende eingeführten Dämpfungsfaktoren Riester-Treppe, Nachhaltigkeitsfaktor und Nachholfaktor besonders zu spüren. Man kann sich jetzt also nicht zurücklehnen und sagen, das Thema Altersarmut sei damit vom Tisch", mahnt Butterwegge.

   "Kein Ruhmesblatt der Regierungspolitik"   

Auf die Frage der Tagesschau-Redaktion, ob eine dauerhafte Rentensteigerung von rund 2,4 Prozent pro Jahr nicht doch im Vergleich zu den vergangenen Jahren schon paradiesisch sei, antwortete der Wissenschaftler: "Nein, überhaupt nicht. Die dabei nicht berücksichtigte Inflationsrate dürfte 2013 mindestens 2 Prozent betragen. Da ist eine Rentensteigerung im Westen um 1 Prozent kein Ruhmesblatt der Regierungspolitik. Und wenn man berücksichtigt, dass die Eurokrise höhere Inflationsgefahren in sich birgt, bedeuten selbst vergleichsweise hohe Rentensteigerungen keinen sicheren Ausgleich. Vor allem, wenn man bedenkt, was alte Menschen vor allem brauchen und zahlen: Energie, Mieten und medizinische Leistungen, die in Zukunft stärker ins Gewicht fallen dürften, zumal die Krankenkassen immer weniger bezahlen."
jos

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