Dienstag, 27. November 2012

Behindertenbeauftragter Hüppe taucht nach Großbrand in Behindertenwerkstatt ab
Fragen nach Sinn von Behindertenwerkstätten und dem Versagen
des Brandschutzes nach dem Tod von 14 Menschen in Titisee-Neustadt

Mit Rollstühlen über "sichere" Feuer-Fluchttreppen?
Foto: Ingo Anstötz | pixelio.de
14 Menschen starben bei dem Brand in einer Behinderten-Werkstatt der Caritas in Titisee-Neustadt. In die Trauer und Betroffenheit über den Tod der Frauen und Männer mit Behinderungen und einer Betreuerinn mischen sich Fragen nach dem Wie und dem Warum der Katastrophe - und nach dem Sinn solcher Behindertenwerkstätten in Zeiten des Forderns nach Diversity und Inklusion. Auf Kritik von Menschen mit Behinderungen an dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung reagierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe bisher mit - Schweigen.

Die Brandursache in den Schwarzwälder Behindertenwerkstätten ist bisher ungeklärt. Die Caritas als Verantwortlicher Betreiber der Einrichtung, in der 120 Menschen mit Behinderungen arbeiteten, und die für den Brandschutz und dessen Einhaltung zuständigen Ämter und Beamten waren und sind nach dem ersten Schock allerdings bemüht, zu betonen, dass alle Vorschriften eingehalten wurden.

   Lebensgefährliches Versagen der Brandschutz-Vorschriften für Behinderte   

Erst langsam dämmert es offensichtlich den Verantwortlichen bei den Betreibern solcher Einrichtungen und den Politikern, dass die immer noch geltenden Vorschriften alles andere als verantwortbar sind und eine Katastrophe wie jetzt in Titisee-Neustadt keineswegs ein unvorhersehbarer Schlag des Schicksals ist, sondern unausweichliche Folge verantwortungslosen, gedankenlosen Handelns, das geprägt ist von rein wirtschaftlichem low-cost Überlegungen, ohne Rücksicht auf die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen vorbei.

  • Es ist skandalös, dass in Titisee-Neustatt wie in anderen Behindertenwerstätten auch zwar Brandmelder installiert sind, aber keine Sprinkleranlage.
  • Es ist skandalös, dass es in und an dem Gebäude zwar Feuerschutz-Treppen gab, diese aber bekanntlich Rollstuhlfahrern und anderen in der Mobilität eingeschränkten Menschen nicht nur nichts nützen im Brandfall, sondern sie zusätzlich bei der Flucht vor dem Feuer behindern. Der zynische Kommentar des Deutschen Feuerwehrverbandes zum Brandschutz-Konzepts: Es gebe nun mal Katastrophen, die sich nicht verhindern lassen.
  • Es ist skandalös, dass Fluchtwege zwar ausgeschildert waren, aber in luftiger Höhe und nicht auf Augenhöhe mit Rollstuhlfahrern. 
Ob die Verantwortlichen bei den Betreibern, in den Ämtern und in der Politik gewillt sind, daran etwas zu ändern wird sich zeigen.

   Verstecken in Werkstätten statt Inklusion?   

Überdacht werden muss aber auch grundsätzlich der Sinn von Behindertenwerkstätten. Natürlich gibt es Menschen mit Behinderungen, die sich in solchen Einrichtungen wohl fühlen. Tatsächlich sind Behindertenwerkstätten aber mit dem Ziel von Diversity und Inklusion nicht vereinbar.

Solche Werkstätten, in denen behinderte Menschen schlecht bezahlt vor dem Rest der Gesellschaft versteckt werden, sind mittlerweile ein fester Bestandteil im Geschäftsmodell ihrer Betreiber bei den Wohlfahrts- und Behindertenverbänden - ein Geschäftsmodell, dass für gut bezahlte Stellen für sogenannte Nichtbehinderte im Management sorgt und für sichere Einnahmen aus Der Behindertenabgabe sorgt, die von Wirtschaftsunternehmen gern als Ablass für die von ihnen verweigerte gesetzlich geforderte Beschäftigung behinderten Menschen geleistet wird.

 Wer schweigt da: Der Behindertenbeauftragte oder das Lebenshilfe Vorstandsmitlied Hüppe?   

Und da wundert es denn nicht im geringsten, dass ausgerechnet der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe bis heute so tut als sei nichts passiert in Titisee-Neustadt. "Zufälligerweise" ist der umtriebige CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Westfälischen nämlich Mitglied des Bundesvorstandes der Lebenshilfe; und die ist der deutschlandweit größte Betreiber der umstrittenen Behindertenwerkstätten.

Hüppe überläßt die Anteilnahme am vermeidbaren Tod der 14 Menschen in der Schwarzwälder Behindertenwerkstatt lieber dem Papst im fernen Rom, dem pastoral-geübten Bundespräsidenten und dem grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann.

Hüppe schweigt - und hofft wahrscheinlich innig auf das Ausbleiben unbequemer Fragen, die zumindest seine Befangenheit offenbaren würden.

jos


___________________________________________________________________

AKTUALISIERUNG  30.11.2012

Wie das Büro des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung heute mitteilte, hat Hubert Hüppe wohl doch auf den Brand reagiert. In der Mainpost wird er mit folgender Aussage zitiert:

«Es muss genau geprüft werden, ob alles Sicherheitsbestimmungen eingehalten worden sind und ob sie ausreichend waren.» Sollte dies nicht der Fall gewesen sein, müsse man sich Gedanken über strengere Vorschriften machen, zum Beispiel bei der Barrierefreiheit. Es stelle sich die grundsätzliche Frage: «Braucht es neue Bestimmungen oder war es einfach ein ganz schlimmes Unglück?»

Außerdem. so Hüppe-Sprecher Benedikt Bünker in seiner heutigen Mail an die chronischLEBEN-Redaktion, "hat Herr Hüppe mit einem Kondolenzschreiben seine Anteilnahme gegenüber den Angehörigen ausgedrückt."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Sie können hier einen Kommentar schreiben - bitte mit Namensnennung
Oder schreiben Sie mir eine Mail an: 
redaktion@chronisch-leben.de